2008 lief’s bei mir eigentlich ziemlich rund. Ich hatte im Jahr zuvor endlich die Reißleine bei meinem erfolglosen Jura-Studium gezogen und mich dann doch noch einmal für andere Fächer eingeschrieben, nämlich Germanistik und Musikwissenschaft. Das Ziel war, schnell einen kleinen Zweifach-BA-Abschluss durchzuziehen und dann der Universität lebewohl zu sagen. Musikwissenschaft hatte sich dabei als echter Glücksgriff herausgestellt. Das Mini-Institut residierte seinerzeit in einem der beiden Kavaliershäuschen direkt vor dem Schloß. Es war geprägt von Dozenten, die ihr Fach liebten, deren Kurse meist spannende Entdeckungsreisen waren und – nicht zuletzt – legendären Sommerfesten und Weihnachtsfeiern mit etwas Hausmusik, die in der Regel akademisch-feucht-fröhlich endeten…
Auch in der Germanistik lief’s insgesamt nicht schlecht, obwohl der große Massenstudiengang deutlich anonymer war und sich in den Kursen durchaus einige „Nieten“ verbargen. Mit Grausen denke ich da an eine wirklich gruselige, nutzlose Arbeitsgemeinschaft zu einer eigentlich gut gehaltenen Vorlesung zurück. Meine Noten waren akzeptabel bis vereinzelt sehr gut. Nach Jahren frustrierender Jura-Klausuren, in denen ich bestenfalls gerade so den „Arsch über die Latte“ bekommen hatte, wurde mir endlich bewusst, dass ich nicht zu doof für die Uni war, sondern allenfalls zu wenig masochistisch für die Juristerei.
Studieren und Jobben
Erwerbstätigenquote
58,9 %¹
aller Studenten
Ø Wochenstunden
15,1 h¹
erwerbstätige Studenten
Ø Monatsverdienst
729 €¹
aus Erwerbstätigkeit
BAföG-Bezieher mit Job
54,7 %¹
trotzdem erwerbstätig
Jobben aus finanzieller Not
58 %¹
zur Lebensunterhaltssicherung
Vereinbarkeitsprobleme
34 %¹
(sehr) hohe Probleme
Ich jobbte seinerzeit bereits seit gut drei Jahren bei der Computer-Einzelhandelskette Gravis – meine Haupt-Einnahmequelle. Die hatte sich auf Apple-Produkte und das entsprechende Zubehör spezialisiert, mit dem iPod-Boom einige ordentliche Jahre hingelegt, geriet aber im Zuge der Finanzkrise in eine ordentliche Schieflage. Gleichzeitig mit dem Chaos an den Märkten waren die damals noch großen Flächenmärkte auf Apple aufmerksam geworden und wollten ihren Teil vom Kuchen. Zudem hatte sich das kleine MacBook Air in seiner ersten Version als schwer verkäufliches Kassengift erwiesen und stapelte sich dutzendweise im Lager. Dass Cupertino mit eigenen Stores auf dem deutschen Markt erschien, verhieß für die Zukunft nichts Gutes für die Kette.
Der dicke Hammer kam dann zum Jahreswechsel:
Gravis reduzierte nach einem katastrophalen Weihnachtsgeschäft drastisch die Stunden für seine studentischen Mitarbeiter – so drastisch, dass ich mir mitten im Semester bei anlaufender Prüfungsphase einen neuen Job suchen konnte. Der fand sich zwar recht schnell bei einem Fachverlag, aber die Energie im Büro war speziell und ich weiß bis heute nicht, was ich bei der Tätigkeit genau machen sollte oder was falsch lief. Nach etwa einem halben Jahr suchte ich erneut und landete im Inbound-Service für einen bekannten deutschen Mobilfunk- und Internetanbieter. Aber monatelange finanzielle Ungewissheit mit gleichzeitig auf Hochtouren laufendem Studium hatten Spuren hinterlassen: Im März 2010, ein Jahr nach meinem Ausstieg bei Gravis, verschrieb mir mein Hausarzt erstmalig hochdosiertes Johanniskraut-Extrakt und riet mir, vielleicht doch mal einen Therapeuten aufzusuchen.
Die Finanzkrise hatte mich derart aus dem Studium gekegelt, dass ich Jahre brauchte, um mich wieder der Abschlussarbeit zuwenden zu können und zu wollen – als ich so weit war, kam die Corona-Hysterie. Aber das ist eine andere Geschichte.
Immerhin: Mit meinem Job-Frust stehe ich nicht alleine da. Gemäß der regelmäßig durchgeführten Studierendenbefragung des BMBF gehen ca. zwei Drittel aller Studenten einer Beschäftigung nach – vom kleinen Hilfsjob am Institut bis zur Vollzeitstelle im Callcenter. Erstaunlich dabei ist, dass diese Zahl seit Jahrzehnten mehr oder weniger konstant ist. Schwankungen kommen eher von außen, etwa durch Einführung und Abschaffung von Studiengebühren oder vor sechs Jahren durch die Auswirkungen der Corona-Hysterie.
BAFöG beziehen hingegen inzwischen nur noch unter fünfzehn Prozent aller eingeschriebenen Studenten. Die Ausbildungsförderung wird von den Berechtigten liegen gelassen, wie seinerzeit das MacBook Air, wobei der kleine Apple-Rechner trotz des ersten Misserfolgs zukunftsweisend war und die ganze Produktkategorie der Ultrabooks begründete. Beim BAFöG hingegen sieht es trostlos aus – und ich verstehe nur zu gut, weshalb auch die aktuelle Studentengeneration das Geld verschmäht.
BAföG in Zahlen
Studierende gesamt
2.868.300¹
WS 2024/25
BAföG-Bezieher (Studierende)
483.814¹
Jahressumme 2024
Förderquote
13 %²
22. Sozialerhebung 2021
Anteil Vollförderung
49,0 %¹
der Bezieher 2024
Anteil Antragsteller
~34 %²
22. Sozialerhebung 2021
Höchstförderungssatz
992 €/Mo.³
ab WS 2024/25
BAFöG: Endgegner Einkommensfreibetrag
In meinen ersten Studiensemestern in Münster kurz nach der Jahrtausendwende bekam ich selbst tatsächlich etwas BAFöG, damals war die Anhebung der Elternfreibeträge gerade durchgelaufen. Mein Budget war jedoch etwas zusammengestückelt. Monat für Monat bekam ich das Kindergeld von meiner Mutter direkt durchüberwiesen, seinerzeit 154 Euro. Hinzu kamen 191,43 Euro aus der Halbweisenrente, da mein Vater sehr früh verstorben ist. Ergänzt wurde das dann durch gigantische 126 Euro BAFöG, sodass ich insgesamt jeden Monat auf etwas über 470 Euro kam. Das reichte für die ca. 250 Euro Miete für ein günstiges Zimmer und Nebenkosten draußen in Kinderhaus und das Mensaessen, mehr war jedoch nicht wirklich drin. Also musste von Zeit zu Zeit gejobbt werden.
Und hier wird es tricky: Zwar durfte jemand, der BAFöG bezieht, etwas Geld dazu verdienen, der Freibetrag war jedoch lächerlich gering. Unter Ausnutzung von Sozial- und Werbungskostenpauschale konnten monatlich insgesamt ca. 290 Euro ohne Abzüge dazuverdient werden. Rechnet man das auf die Wochenarbeitszeit bei dem damals üblichen mageren Stundenlohn von acht Euro um, sind maximal acht Wochenstunden im Job möglich. Das klingt erstmal akzeptabel, doch in der freien Wirtschaft war diese Decke schnell erreicht. Zunächst hat nicht jeder Arbeitgeber so mies bezahlt. Mit etwas Suche waren auch schon mal zehn Euro für Bürojobs drin. Wer in den Semesterferien bei Volkswagen als „Bandaffe“ Passat zusammengeschraubt hat, bekam deutlich mehr und sprengte schnell den Freibetrag. Aber auch münsteraner Callcenterjobs kannten Spät- und Wochenendzuschläge – eigentlich eine Win-Win-Situation: Die Studis konnten am Sonntagnachmittag ohne Konflikte mit Vorlesungen und Seminaren in der Hotline ausnüchtern und der Arbeitgeber bekam seine Calls abgenommen, während die Vollzeiter daheim bei der Familie saßen.
Als ich vor der Entscheidung stand, mit BAFöG weiterzumachen, oder aber im Callcenter zu jobben, war die Entscheidung relativ einfach. Von meinen 126 Euro BAFöG war ja die Hälfte Kreditanteil und wollte irgendwann zurückgezahlt werden. Für das kommende Sommersemester stellte ich keinen Antrag mehr.
Soweit mir bekannt, hat sich das BAFöG-System seit der Jahrtausendwende im Wesentlichen nicht geändert. Es gab zwar kleine Nachbesserungen wie die Ausgliederung der Wohnkostenpauschale aus dem Grundbedarf und die Angleichung der Freibeträge an den Minijob, aber das strukturelle Problem wurde nicht angegangen. Sobald jemand nicht voll gefördert wird, weil die Eltern zu gut verdienen oder – wie bei mir die Halbwaisenrente – noch Geld aus einem anderen, zuverlässigeren Topf kommt, ist das System schlicht vollkommen unattraktiv.
Es stellt sich damit die Frage, wer überhaupt noch BAFöG bekommt. Wer sind diese 12,9 Prozent Studenten an Unis und Fachhochschulen, die überhaupt noch gefördert werden? In den der Studierendenbefragung des BMBF findet sich darüber erstaunlich wenig, aber dennoch ein pikantes Detail: Selbst unter Studenten aus bildungsfernen Elternhäusern stellen über zwei Drittel überhaupt keinen BAFöG-Antrag[1]Die Studierendenbefragung in Deutschland: 22. Sozialerhebung. Die wirtschaftliche und soziale Lage der Studierenden in Deutschland 2021. S. 108, Abb. 4.20., obwohl dies die Gruppe ist, die man mit der Einführung des BAFöG irgendwie an die Unis und Fachhochschulen bekommen wollte. Ist ein System, das so wenige erreicht, überhaupt noch zeitgemäß? Und wenn zwei Drittel der eigentlichen Zielgruppe lieber auf Förderung und Kredit verzichten und sich das Studium stattdessen auf anderem Wege verdienen, ist es dann überhaupt noch sozial zu rechtfertigen? Warum soll jemand nur, weil er aus prekären Familienverhältnissen kommt, auf Kosten der Allgemeinheit studieren, während die meisten Kinder aus der Mittelschicht, aber auch der weit überwiegende Teil der Milieu-Leidensgenossen den Spagat zwischen Studium und Job hinbekommt? Wir haben es hier immerhin mit jungen Menschen mit Abitur zu tun, die entsprechende Jobs normalerweise leicht finden. An den einschlägigen Studienorten haben sich zahlreiche Arbeitgeber genau auf solche studentischen Arbeitnehmer eingestellt.
- Studenten insgesamt (Destatis WS)
- BAföG-Förderquote (amtl. Statistik, nur gesicherte Werte)
Oder verbergen sich hinter den 12,9 Prozent BAFöG-Empfängern unter den Studenten vielleicht Menschen, die aus unterschiedlichen Gründen gar nicht arbeiten können? Weil sie vielleicht Care-Arbeit leisten oder selbst gesundheitlich eingeschränkt sind? Lassen sich am Studienort der Wahl schlicht kaum Teilzeitstellen finden oder bestimmte Eigenheiten des Studienfachs selbst verhindern die Arbeitsaufnahme? Dann wäre es jedoch unfair, gerade bei diesen Leuten die Hälfte der Förderung als Kredit wieder einzutreiben.
Als das BAFöG-System Anfang der 1970er durch die Brandt-Regierung eingeführt wurde, galt es schnell als großer Wurf zur Demokratisierung der Universitäten. Waren die Hochschulen vorher nur einer relativ kleinen Elite vorbehalten gewesen, explodierten bald darauf die Studentenzahlen. Das Hochschulstudium wurde zum Breitensport.
Aber die romantische Vorstellung, ein Student bekäme BAFöG und würde sich dann voll und ganz auf's Studium konzentrieren können, ist inzwischen durch die Realität eingeholt worden. Der Mix aus Förderbetrag und Kredit ist so unattraktiv geworden, dass kaum noch jemand ihn annimmt. Der Normalfall sind Studenten, die in unterschiedlichem Umfang auf ein Arbeitsverhältnis zur Studienfinanzierung angewiesen sind, worauf die Hochschulen aber überhaupt nicht eingestellt sind.
Statt folkloristisch und sozialpopulistisch an der Wohnkostenpauschale rumzudoktorn und das pathetisch als wegweisende und koalitionsgefährdende Reform aufzuplustern, wie es die SPD gerade macht, bräuchte es in Deutschland eine grundlegende Umstellung der Studienfinanzierung und die Anerkenntnis, dass sich die Hochschullandschaft und das Bildungssystem seit den Zeiten Brandts deutlich weiterentwickelt und verändert haben. Die SPD und ihre hochschulnahen Vorfeldorganisationen wie die Jusos haben auch auf diesem Gebiet jegliche Tuchfühlung zur alten Stammklientel verloren, die zur Studienfinanzierung lieber jobben geht, anstatt gleich mit BAFöG-Schulden oder gar einem privaten Studienkredit am Bein ins Berufsleben zu starten.
Hieraus ergibt sich die Erkenntnis, dass eine echte Reform nicht zuvorderst das BAFöG selbst angehen, sondern das Verhältnis zwischen Studium und Job arbeitnehmerfreundlich umgestalten muss. Ein zwei einfachen, kostengünstigen ad-hoc-Maßnahmen würden arbeitenden Studenten bereits sehr viel Last von den Schultern nehmen:
Reformvorschläge: Studium & Teilzeit
1. Verpflichtende Teilzeit-Verlaufspläne
Eine Binsenweisheit ganz zu Anfang: Wer arbeiten muss, studiert länger. Eigentlich ist das wenig problematisch, aber die Tücken zu starrer Studienordnungen können ärgerlichen Terminkonflikten und Blockaden führen, die das Studium unnötig noch weiter verlängern. Am einfachsten wäre es, solchen Reibungen schon von vornherein vorzubeugen, indem die Fachbereiche bei der Akkreditierung der Studiengänge direkt Teilzeit-Verlaufspläne mit erstellen. Sinnvoll wäre es vermutlich, Pläne für dreißig und zwanzig Semesterwochenstunden abzustufen. Dabei geht es weniger darum, die Verlaufspläne sklavisch einzuhalten, sondern eventuelle Konflikte zu erkennen und die Studenten bei der Verlaufsplanung darauf hinzuweisen.
2. 80-Prozent-Regel
Eines der größten Ärgernisse an der deutschen Hochschullandschaft sind späte Studienabbrüche kurz vor dem Abschluss. Wer fünf, sechs Hochschulsemester erfolgreich hinter sich gebracht hat, kann eigentlich nicht zu dumm sein, die letzten Hürden bis zum Abschluss zu meistern. Die Gründe für einen späten Abbruch sind in der Regel extern und haben wenig mit dem Studium zu tun – was bei mir ein fataler Jobverlust ausgelöst hat, ist bei der Kommilitonin vielleicht der langjährige Freund, der mit der Mitbewohnerin abgestartet ist, die Krankheit der Eltern, Trauer ums Haustier oder was auch immer. Während ich selbst nicht final durch Prüfungen gefallen bin, gibt es durchaus Schilderungen, in denen ein zweifacher Klausur-Blackout oder verkorkste Abschlussarbeiten das gesamte Studium zu Fall gebracht haben. Besonders schlimm ist die Situation bei den Juristen, wo das harte erste Staatsexamen eine Durchfallquote von über fünfundzwanzig Prozent aufweist.
Mit einer einfachen Regelung ließe sich solchen sehr harten Abbrecher-Schicksalen ein Riegel vorschreiben: Wer achtzig Prozent seiner Studienleistungen erfolgreich abgeschlossen hat, darf durch die verbleibenden Prüfungen nicht mehr final durchfallen. Die letzten Prüfungen können dann so oft wiederholt werden, bis sie bestanden sind. Gleichzeitig sind die Länder dafür verantwortlich zu machen, dass ein so weit vorangetriebenes Studium auch faktisch noch vollendet werden kann. Eventuelle Maximalstudienzeiten würden gestrichen – aber die letzten Prüfungen dürften vom Land auch an einen anderen deutschen Hochschulstandort delegiert werden.
Um gleich einigen Unkenrufen vorzubeugen, solche „verschenkten" Abschlüsse würden die Studienqualität ins Bodenlose sinken lassen: Ich gehe eher vom Gegenteil aus, denn mit so einer Regelung müssten die Hochschulen ungeeignete Studenten eher aussortieren. Zahlreiche Wirtschafts- und Ingenieursstudiengänge haben heute schon die harten Mathescheine relativ weit an den Anfang des Studiums gelegt – wer da durchgekommen ist, schafft den Rest in der Regel auch. Bei Abschlussarbeiten hingegen wäre gewährleistet, dass sie nicht einfach „durchgewinkt" werden, sondern wirklich auf Qualität geprüft.
Die zweite Gruppe mit drei Forderungen betrifft eher die Studienfinanzierung. Hier geht es darum, die gröbsten Hindernisse für einen späten Abbruch oder unnötige Studienverlängerungen auszuschalten. Wer sein Studium weit genug vorangetrieben hat, soll finanziell so abgesichert sein, dass er sich tatsächlich voll und ganz auf den Studienabschluss konzentrieren kann.
Reformvorschläge: Stipendium & Förderung
3. Abschluss- statt Deutschlandstipendium
Im gleichen Zuge sollte das unsoziale, fragwürdige Deutschlandstipendium abgeschafft werden. Unter dem Deckmantel der Exzellenzförderung handelt es sich dabei eigentlich um ein Geschenk nach oben. Hinter besonders guten Noten im Studium steht häufig (nicht immer) ein vollfinanzierendes Elternhaus, das auch die freie Zeit für das geforderte soziale Engagement überhaupt erst ermöglicht. Konservative Kreise dürften gegen eine solche Umstellung eigentlich nichts haben, denn dem Leistungsgedanken ist schon durch die Kernforderung Rechnung getragen: Wer ein Studium bis kurz vor den Abschluss vorantreibt, wird belohnt.
Exzellenz benötigt Zeit – Zeit kostet Geld. Wer kein Geld hat, kellnert, telefoniert, gibt Nachhilfe – und verliert dadurch Zeit. Im normalen Studienverlauf lässt sich das durch Abschichtungen kompensieren. Das Studium dauert dann halt länger. Aber in der akuten Abschlussphase ist die Arbeitsbelastung so hoch, dass Konflikte zwischen Erwerbstätigkeit und Studium nahezu unvermeidlich sind. Der Ausweg daraus wäre, statt langjährigem BAföG ein einsemestriges, einkommensunabhängiges Abschlussstipendium einzuführen, das gezielt in der Phase den Lebensunterhalt sichert, in der es normalerweise im Studium am härtesten zur Sache geht.
4. Job-Bonus
Zur Zeit bestraft das alte BAföG-System junge Menschen, die im Niemandsland zwischen Vollförderung und kompletter Selbstfinanzierung durch Erwerbsarbeit aufgerieben werden. Das System belastet dadurch ausgerechnet diejenigen am meisten, die versuchen, den Lebensunterhalt weitestgehend selbst zu bestreiten. Das Ziel, die Studienzeiten zu verkürzen, wird so konterkariert. Warum also nicht den Spieß umdrehen und eine Bonuszahlung an jobbende Studenten zahlen, um damit die Stundenlast etwas einzudämmen? Es müsste kein großer Betrag sein, sondern nur eine kleine Anerkennung für das Bemühen um den eigenen Lebensunterhalt. Ein steuer- und abgabenfreier Bonus von 100 Euro sollte hierfür ausreichend sein. Er wird noch wichtig bei einer der nächsten, der vielleicht radikalsten Forderung im System.
Wenn zwei Drittel aller Studenten für die Studienfinanzierung arbeiten, dann ist der studentische Arbeitnehmer nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Mit dieser Erkenntnis muss man sich dann eingestehen, dass der Sonderstatus der Studienförderung sich eigentlich kaum noch rechtfertigen lässt. Das gesamte System ist seit Langem an der Realität vorbeikonstruiert. Statt weiterhin mit riesigem finanziellen und bürokratischem Aufwand ein System aufrecht zu erhalten, von dem kaum noch jemand profitiert und das soziale Ungerechtigkeiten eher erzeugt, als es verhindert, sollte die Reißleine gezogen werden: Das BAFöG wird abgeschafft, stattdessen wird das Studium in die bestehenden sozialen Sicherungssysteme für Arbeitnehmer eingegliedert.
Reformvorschläge: Absicherung & Grundsicherung
5. Studentische Arbeitslosenversicherung
Wenn Studenten in der Regel Arbeitnehmer sind, dann müssen sie auch Teil der Arbeitslosenversicherung werden. Derzeit entstehen massive Probleme, wenn ein Student im laufenden Studium seinen Arbeitsplatz verliert. Dabei sind Studenten als Arbeitskräfte in der Regel diejenigen, die als erste gehen müssen, wenn ein Unternehmen in die Krise gerät. Um zu verhindern, dass ein Studium auf diese bittere Art endet, müssen Studenten dieselben Ansprüche aus der Arbeitslosenversicherung bekommen, wie sie jedem anderen Arbeitnehmer zustehen, der die entsprechenden Anwartschaftsvoraussetzungen erfüllt hat.
6. Studentische Grundsicherung statt BAföG
Zuletzt stellt sich die Frage, was mit Studenten passiert, die aus unterschiedlichen Gründen tatsächlich nicht arbeiten können, bei denen aber ein Hochschulstudium eine sinnvolle Qualifikation ist. Denkbare Gründe für diesen Status sind:
- Krankheit oder Behinderung: Ein Student ist faktisch körperlich so eingeschränkt, dass eine Koordination zwischen Erwerbstätigkeit und Studium faktisch nicht möglich ist.
- Care-Arbeit und Kinder: Ein Student pflegt nahe Verwandte oder hat eigene Kinder, sodass hierüber eine Drittbelastung unzumutbar wäre.
- Schwacher Arbeitsmarkt: Gerade an kleinen Studienorten gibt der Arbeitsmarkt nicht ausreichend akzeptable Arbeitsplätze her.
Bisher sind Studenten vom Bezug von Bürgergeld mit dem Verweis auf BAföG grundsätzlich ausgeschlossen. Nur in sehr engem Umfang gibt es davon Abweichungen. Wer kein BAföG bekommt, hat Pech. Gleichzeitig sind die genannten Beispiele solcher Natur, dass man schon die Frage stellen kann, weshalb die betroffenen Personen nicht gleich voll gefördert werden sollen – also ohne irgendwelche Schulden, die dann später drücken.
Der Ausweg ist, das Hochschulstudium als ultimative Qualifikationsmaßnahme anzusehen und dementsprechend diesem Personenkreis den Weg über das Bürgergeld zu ermöglichen. Die Jobcenter bekämen dann die Aufgabe, regelmäßig zu überprüfen, ob sich nicht doch etwas am Arbeitsmarkt finden lässt, was einen Übergang in eine Teilzeittätigkeit ermöglicht. Die bürokratischen Doppelstrukturen und das Ping-Pong zwischen Sicherungssystemen hätten ein Ende.
Fazit
Das BAFöG ist das Kind einer Zeit, in der Arbeiterkinder nahezu keine Chance auf eine Hochschulausbildung hatten. Es wurde geschaffen, um dieser Schicht über die akademische Ausbildung einen sozialen Aufstieg zu ermöglichen. Zu dieser Zeit war aber das vorherrschende Studienmodell, dass der Nachwuchs einer bereits akademischen Elite durch die Eltern vollfinanziert wurde. Die Arbeiterkinder konkurrierten also mit Kommilitonen, die sich voll und ganz auf das Studium konzentrieren konnten.
Bereits Mitte der 1990er entsprach die Realität aber schon nicht mehr der BAFöG-Folklore. Die Arbeiterkinder waren inzwischen an die Unis und Fachhochschulen geströmt. Und Arbeiterkinder machen während des Studiums das, was ihre Eltern zur Bestreitung des Lebensunterhalts immer gemacht haben: Sie gehen arbeiten. Und mehr noch, auch die Eliten erkannten, dass ein wenig Erwerbstätigkeit im Studium, auch wenn eher zur Finanzierung der Backpacking-Tour nach Bali, eine sinnvolle Erfahrung für den Nachwuchs sein kann.
Derweil ist Hochschulpolitik in Studierendenparlament und AStA zum Kabukitheater privilegierten Akademikernachwuchses mutiert, der dort die notwendigen Credits für vorgeblich soziales Engagement einheimst. Gerade linke Hochschulgruppen gerieren sich dabei gerne als Robin Hood der armen, geknechteten Prekariatskinder. BAFöG-Diskussionen sind dabei der perfekte Honeypot für Wertesignale ans eigene Klientel. Wer neben dem Studium hingegen wirklich arbeiten muss, um sich seinen Lebensunterhalt zu finanzieren, hat für diesen Scheiß schlichtweg keine Zeit.
Während die satten, linksidentitären Kartellparteien und allen voran die ehemalige Arbeiterpartei und jetzige Beamtenhochburg SPD um bestenfalls symbolische Anhebungen der Sätze feilschen, geht die Diskussion an der tatsächlichen Not studentischer Arbeitnehmer völlig vorbei. Auch bei den entsprechenden Vorfeldorganisationen wie den DGB-Gewerkschaften sieht das wohl nicht besser aus.
Auch bei der Union braucht man nicht auf tieferes Verständnis für die Situation hoffen: Bildungsministerin Bär (CSU) stach in der entsprechenden Debatte mit der Äußerung hervor, es sei nicht verboten, neben dem BAFöG auch zu jobben. Damit stieß sie allerdings genau jenen zwei Dritteln der deutschen Studenten vor den Kopf, die bereits in einem Arbeitsverhältnis stecken und genau das tun – und erst Recht jenen, die trotzdem Probleme im Studium bekommen. Bär selbst nämlich ist jemand, die als Stipendiatin der Hans-Seidel-Stiftung zügig durchgekommen ist und der Beleg, dass der Karriere-Dreischritt Kreißsaal-Hörsaal-Plenarsaal auch in den Unionsparteien gangbar ist.
"Ich habe mir mein ganzes Studium auch selber finanziert", behauptet @DoroBaer. @heuteshow erinnert daran: sie war während ihres Studiums über Jahre Stipendiatin der Hanns-Seidel-Stiftung der CSU. pic.twitter.com/qkJOFOflSk
— Storch_i (@Storch_i) June 6, 2026
Wer eine wirklich soziale, gerechte und wirtschaftlich vernünftige Reform der deutschen Studienfinanzierung will, muss endlich den Bedürfnissen derjenigen gerecht werden, die sich den Callcentern, Modeboutiquen, Cafés oder wo auch immer abrackern, um im Studium halbwegs über die Runden zu kommen.
Wir haben das verdient.
Fußnoten
| ↑1 | Die Studierendenbefragung in Deutschland: 22. Sozialerhebung. Die wirtschaftliche und soziale Lage der Studierenden in Deutschland 2021. S. 108, Abb. 4.20. |
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